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Liebeserklärung an Giesing

Es hat uns also doch erwischt. Seit über einem Jahr ist uns klar, dass unsere 2-Zimmer Studentenbude im Münchner Arbeiterviertel Giesing irgendwann zu klein werden würde. Jetzt krabbelt unser Töchterchen fröhlich im Kreis. Wir merken, wie ihr Bewegungsradius immer größer wird. Und unserer? Der wird immer kleiner. Schon jetzt ist ein Schreibtisch nicht mehr benutzbar. Wann immer mal Zeit wäre, ihn zu nutzen, schläft das Baby in exakt demselben Raum. Also steht mein Laptop zusammengeklappt auf dem Esstisch. Die Nähmaschine der tollsten Frau der Welt steht dort ebenfalls, wenn sie in Benutzung ist. Damit bleiben uns von 4 Plätzen am Tisch gerade noch 2 zum Essen.

Fernsehen meiden wir. Nicht, weil wir notorische ZDFneo, 3sat und ARTE Zuschauer sind und immer weniger mit RTL und Pro7 anfangen können, sondern weil das Ding direkt an der Wand steht. Jener Wand, hinter der nur 10 Zentimeter weiter unsere Tochter schlummert. Zumindest ich habe den Verdacht, dass die Rigipswand nur sehr mäßig abschirmt und die Kleine davon schon mehrfach aufgewacht ist. Also meide ich die Flimmerkiste seit Monaten. Wenn ich mal etwas sehe, dann am Laptop mit Kopfhörern auf

Auf solchen Luxus wie Geschirrspüler haben wir jetzt fünf Jahre verzichtet. Es hat wunderbar geklappt. Wir kochen gerne und fast täglich. Inzwischen gibt es hier auch wirklich gutes Equipment in der Küche. In die Geschirrspülmaschine darf die Eisenpfanne ohnehin nicht - sonst ginge die Patina ab und wir dürften sie wieder einbrennen. Das restliche Geschirr ist nun auch nicht so üppig und in der Regel ist in 15 Minuten alles abgewaschen und die Küche sauber. Also kein Beinbruch, so ein Leben ohne Geschirrspüler.

Auch an den vierten Stock ohne Aufzug haben wir uns gewöhnt. Der Kinderwagen steht unten beim Eingang und Wasserkisten schleppen wir schon lange nicht mehr. Der Soda-Stream verrichtet seinen Dienst ohne zu Murren. Das Hoch- und Runterennen ein paar Mal am Tag macht uns eigentlich auch nichts mehr aus. Wir haben uns daran gewöhnt und vermissen tatsächlich keinen Fahrstuhl. Selbst nach dem legendären Abend des letztjährigen Oktoberfestes habe ich es nach oben geschafft

Wirklich weh tut uns das Fehlen eines Balkons. Und wenn ich uns schreibe, dann meine ich natürlich die tollste Frau der Welt . In der Küche steht das Fensterbrett voller Chili-Pflänzchen und wir hätten so, so gerne einen kleinen Tomatenstrauch zum Abernten. Geschweige denn endlich mal frische Kräuter, die nicht von uns in den Tiefkühler geschmissen werden. Das wäre schon was. Oder Rollläden vor den Fenstern. Boah, wie cool wären denn bitte Rollläden?! Als Badenser war mir vor meinen Jahren in München nicht bewusst, dass es Gegenden in Deutschland gibt, bei denen Rollläden nicht Standard sind. München liegt auf alle Fälle in einer solchen Gegend.

Mein Giesing

Und jetzt? Jetzt haben wir die Kündigung geschrieben. Und wir werden unsere so liebgewonnene Wohnung in Giesing verlassen. Dabei tut es mir wirklich und allen Ernstes wirklich weh, hier auszuziehen. Ich liebe diese beiden Zimmer, die verwinkelten Ecken und unseren Rundweg. Ja, hier geht es vom Wohnzimmer über eine kleine Abstellkammer ins Bad. Von dort gelangt man ins Schlafzimmer und kann dann direkt wieder ins Wohnzimmer tapsen. Als ich oben schrieb, dass unser Töchterchen hier fröhlich im Kreis herumtollt, dann war das tatsächlich wörtlich gemeint. Sie liebt es, Runden zu drehen. Und wir auch.

Ich mag es, wie die Sonne hier morgens über die Dächer Münchens steigt und direkt in unsere Küche strahlt. Abends kommt sie dann, kurz vor dem Untergang, an den Wohnzimmerfenstern vorbei und taucht die ganze Wohnung in ein sattes Gold. Diese halbe Stunde, in der die Sonne ihren letzten Gruß an uns schickt, sind wirklich wunderschön. Schon oft haben die tollste Frau und ich mit einem Kaffee in der Hand auf dem Sofa gesessen und dieses satte, strahlende Licht genossen.

Und den Wochenmarkt. Mit dem wunderbaren Käsemann, der uns jede Woche eine kleine Packung Salzbutter schenkt. Die stapeln sich schon im Kühlschrank, denn wir essen sie wirklich nur selten. Ein Metzger ist auch jede Woche in Giesing. Einen Monat vor unserer Tochter bekam die Tochter des Metzgermeisters ihr Baby. Seitdem werden zwischen Schnitzel und Hackfleisch Babythemen erörtert. Als sie schwanger war und nicht mehr als Verkäuferin tätig sein konnte, da fungierten die Kollegen als Postboten. Wir wussten was mit dem Metzger-Baby so los war und unsere Neuigkeiten wurden wiederum in die andere Richtung getragen. Ganz zu schweigen von der Eierfrau, die nach all den Jahren inzwischen weiß, dass unsere Katze auf ihrer Portion Frischfleisch besteht. Abfälle aus der Schlachtung gibt’s dort nämlich zu kaufen. Hühnerherzen, -mägen und nicht verkauftes Hühnerfleisch werden als Katzenfutter für wenig Geld abgegeben.

Alle auf dem Markt kennen uns, haben die Schwangerschaft miterlebt und freuen sich nun mit uns über unsere Tochter. Ich würde nicht sagen, dass all diese Menschen nun unsere Freunde sind. Aber sie haben eben einen festen Platz in unserem Leben. Sie fragen nach, wo wir die letzte Woche waren, wie es unserer Tochter geht oder ob die Suppe mit dem Rinderknochen letztes Wochenende was geworden ist.

Mit unseren Nachbarn im Haus verstehen wir uns gut. Suchen wir mal spontan Katzensitter werden wir oft fündig. Braucht ein Nachbar Hilfe beim Pflanzengießen, Briefkastenleeren oder Hochtragen packen wir mit an. Auch das Babybay und diversen Kleinkram haben wir von unseren Nachbarn bekommen. Aus ein paar Nachbarn sind inzwischen Freunde geworden. Und erst die kleinen Läden in unserem Viertel: Der Bäcker und die Pizzeria auf der anderen Straßenseite oder gar die Zimtschneckenfabrik, die eindeutig hinter ihren großen Fensterscheiben die weltbesten Zimtschnecken herstellt.

Giesinger Orte

Nicht nur die Menschen in unserem Viertel, auch einige Orte sind uns ans Herz gewachsen. Zum Beispiel der Friedhof am Perlacher Forst. Dort, direkt neben Stadelheim, liegen Sophie und Hans Scholl. Christoph Probsts und Alexander Schmorells Gräber sind ebenfalls an diesem Ort. Es ist der Friedhof, an dem ich mit meiner Tochter in der Trage umher spaziert bin bis sie in den Schlaf fand. Es ist der Ort, an dem Eichhörnchen sich jagen und Singvögel fröhlich um die Bäume ziehen. Dort waren die tollste Frau und ich einen Tag vor der Geburt unserer Tochter spazieren und witzelten darüber, dass das mit der Geburt sicher noch dauern würde.

Im Perlacher Forst selbst waren wir auch ab und an. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es dort aussah als der Sturm durchfegte. Alle Wege waren durch entwurzelte Bäume versperrt und das Spazieren wurde zum spannenden Abenteuer. Wir rasteten auf einem der umgefallenen Bäume und schauten in den wunderbar blauen Himmel während die Sonne uns langsam brutzelte. Vor unserem Haus verläuft der mittlere Ring, eine der Hauptverkehrsadern Münchens. Es ist laut dort. Besonders im Sommer. Der Perlacher Forst hat uns geholfen, Ruhe zu finden und gerade bei schönem Wetter war es toll, ein paar Bushaltestationen entfernt so ein Kleinod zu haben.

Mit der Tram ging es im Sommer immer in den Biergarten am Nockherberg. Ein paar Stationen und die Brotzeit konnte beginnen. Noch immer ein echter Geheimtipp in München, finde ich. Während in der Innenstadt die Biergärten bei schönen Wetter fast überquellen, ist am Nockherberg meist noch ein Platz zu haben. Und er ist eben auch groß genug um Kinderwägen abzustellen oder die Kleinen einfach mal herumtollen zu lassen. Es war eigentlich immer einer unserer favorisierten Treffpunkte, wenn wir nicht direkt an die Isar wollten.

Seit der Geburt unserer Tochter war die tollste Frau der Welt auch vermehrt im Weißenseepark anzutreffen. Unsere Viertel-Bücherei ist an der Tela-Post zu finden und auch im Schinkenpeter haben wir einige lustige Abende verbracht. Wie oft sind wir den Berg runter, Richtung Zoo und Isar gewandert? Hochschwanger sind wir selbst vom Marienplatz noch nach Giesing gewatschelt. Ja, selbst unsere Hebamme war in Giesing zu Hause. Natürlich haben wir auch dort den Geburtsvorbereitungskurs gemacht. Wir hatten gehofft, auch irgendwann das Geschwisterchen unserer Tochter vorstellen zu können. Doch daraus wird nun leider nichts mehr. Auch den Mütterladen werden wir nicht mehr zum Sonntagsbrunch besuchen können

Giesinger Mietmarkt

Alles hier in Giesing ist etwas dreckiger und ruppiger als in den chicen Innenstadt-Bezirken. Ich finde, es ist etwas ehrlicher. Eben ein Arbeiterviertel. Da ist es okay, wenn die Kinderschuhe vor der Wohnungstür stehen und der Kinderwagen eben in der Nische unter der Treppe bei der Haustüre. Ein Viertel mit Charme und dessen schöne Ecken eben nicht in Hochglanz-Reiseführern stehen. Giesing ist voller Geschichte und netter Menschen. Ein wunderbarer Stadtteil zum Leben und ein geerdeter dazu.

Wir haben versucht etwas in unserem so liebgewonnen Viertel zu finden. Für junge Familien wird der Platz aber immer enger. Der Norden Münchens ist größtenteils schon gentrifiziert und die Innenstadt ohnehin seit einer Ewigkeit. Auch in Giesing hält dieser Fluch aller Großstädte nun leider wohl Einzug. In direkter Nachbarschaft werden nun neue chice Häuser hochgezogen und die ersten Gebäude in unsrer unmittelbaren Umgebung sind schon modernisiert worden. Allein am Giesing Bahnhof fahren zwei S-Bahn Linien, zwei U-Bahnen, eine Tram und diverse Bus-Linien durch. Das ist natürlich attraktiv, denn wir sind sehr schnell in der Innenstadt und haben hier Direktverbindungen zu vielen zentralen Plätzen Münchens.

Bemüht haben wir uns etwas hier zu finden: Zehn Minuten von hier, an der St. Martin Straße zum Beispiel. Eine 3-Zimmer Wohnung mit um die 75 Quadratmetern und einem kleinen Balkon. Warmmiete wären 1.550 Euro. Oder der Altbau am Candidplatz, einem der feinstaubbelastetsten Orte ganz Münchens, für 1.400 Euro Staffelmiete warm. Natürlich wären da dann noch Maklerkosten dazu gekommen. Angebote hatten wir schon. Auch solche, bei denen wir nur noch hätten ja sagen müssen. Bezahlen hätten wir sie aber allesamt nicht können. Das wären teilweise bis zu 40% unseres Haushaltseinkommens gewesen. Wäre auch nur die Kita dazu gekommen, hätte es zum Leben in einer der teuersten Städte Deutschlands schlicht nicht mehr gereicht. Auch in unmittelbarer Nachbarschaft hatten wir ein Angebot. Es wären allerdings nur ganze 4 Quadratmeter mehr gewesen und das für einen stolzen Mietaufschlag von 350 Euro.

Und so kam es, wie es kommen musste: Wir müssen raus aus Giesing. Auf dem freien Markt können wir die Mieten für vernünftige Wohnungen kaum bezahlen und geförderter Wohnraum ist sehr knapp. Auch die neuen Wohnungen auf dem alten Agfa Gelände sind derartig teuer, dass sie für uns nicht in Frage kommen. Ohne Doppelverdiener mit sehr gut bezahlten Jobs geht dort nichts.

Es heißt für uns also: Leb wohl, du liebes Giesing. Du warst uns über fünf Jahre lang ein teures Viertel. Wir haben dich lieben gelernt und du wirst der Geburtsort unserer kleinen Familie bleiben. Alles erdenklich Gutes wünschen wir dir. Lass dich von der Gentifizierung nicht unterkriegen. Behalte deine kleinen Geschäfte, die alteingesessenen Giesinger und alle die sich als Giesinger fühlen und diese kunterbunte Mischung hier ausmachen. Und bitte, bitte: Lass dir das Flair einer Arbeitersiedlung nicht nehmen. Ach ja: Und lass dich nicht als Verkehrsschlagader für die neureichen Innenstädtler nutzen - es wird dringend Zeit den mittleren Ring in einen Tunnel zu verlegen