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Der Feind im Kinderzimmer

Um ehrlich zu sein, fühle ich mich gar nicht wohl, dieses Thema anzuschneiden. Teilweise, weil ich selbst keine Antworten parat habe. Teilweise aber auch, weil es etwas auf dieses Blog bringt, das ich gerne nicht so offen preisgeben möchte: Anhaltspunkte über meinen Beruf. Der bringt es leider mit sich, dass ich manchmal mit Dingen in Kontakt komme, die mir es eiskalt den Rücken hinunter laufen lassen. Das letzte Mal war es in den ersten Januartagen soweit. Das Video der 12-jährigen Katelyn machte die Runde. In der Regel ist es nur eine Frage der Zeit, bis solche Storys auch in meine Filter-Bubble gespült werden.

Was das Video angeht, gibt es da nichts zu beschönigen. Manchmal müssen Dinge ausgesprochen werden: Das Mädchen hat ihren Selbstmord live gestreamt. Hunderte sahen zu. Danach passierte, was immer mit solchen Videos passiert. Es wurde geteilt, Millionenfach. Auf youTube hochgeladen, in Facebook geshared und über WhatsApp verschickt. Das Video wird das Internet nie wieder verlassen. Und wir reden hier nicht von irgendwelchen anonymisierten Servern im Darknet, sondern öffentlich einsehbaren Webseiten. Öffentlich einsehbar heißt aber eben auch immer eines: Suchmaschinen finden diese Dinge. Zumindest dann, wenn der Suchende sich gut genug mit dem aktuellen Internet-Slang auskennt.

Dieser traurige Fall ist jedoch lange nicht der Erste. Die nicht weniger traurige Geschichte der 15 Jahre alten Amanda aus Kanada hat es schon 2012 ins kanadische Parlament geschafft. Und dann gab es da noch die gruselige Geschichte um die niederländische Mara, deren Vater ein Archiv aller Familien-Fotos mit seiner Tochter für jedermann sichtbar ins Netz geladen hatte.

Leute fanden nun aber blöderweise exakt diese Familienerinnerungen. Und sie begannen damit, diese zu verbreiten. Weitere stiegen auf den Zug auf und die Sache explodierte in der Chan-Szene. Es endete damit, dass irgendwelche Verrückten bei der Schule des Mädchens auftauchten und ihr nachstellten. Links möchte ich zu diesem Fall nicht an dieser Stelle veröffentlichen. Es gab wohl mal einen Zeitungsartikel, der ist jedoch offline genommen worden. Vielleicht auf Bitten der Familie, aber ich kann darüber nur spekulieren. Alle anderen Links, die ich in meiner Recherche gefunden habe, beinhalten jedoch den vollständigen Namen des Mädchens und ihres Vaters - oder mindestens sehr konkrete Hinweise, die das Herausfinden des Familiennamens sehr einfach machen. Was ich auch gefunden habe, sind Fake-Profile des Mädchens in sozialen Netzwerken. Alles, was diese Accounts machen, ist regelmäßig Bilder des Kindes zu posten. Über tausend andere Nutzer folgen aktuell diesen Profilen.

Moderne Mediennutzung im Web2.0

Die Nutzung von Medienplattformen bei Jugendlichen ist sehr dynamisch. Neue Dienste poppen auf, werden geteilt und damit plötzlich großflächig genutzt. Sie gehen viral, wie es so schön heißt. Bis wir Erwachsene das mitbekommen, dreht sich das Plattform-Karussell schon wieder weiter. Facebook & Co sind längst nicht mehr die Plattformen, die Wachstumszahlen bei Kindern und Jugendlichen vorweisen können. Das exakte Gegenteil ist der Fall. Wer findet es denn als 14-jähriger auch schon cool, auf einer Plattform zu sein, auf der auch seine Eltern sind (und womöglich mitlesen)? Gleichzeitig zeigt der Fall Katelyn aber, dass Medien immer tiefer in den Alltag der Jugendlichen und Kinder Einzug halten. Heute ist alles im Virtuellen zu finden, selbst die intimsten Dinge. Schranken sind gefallen, Tabus aufgebrochen.

Und gerade weil die neuen Medien heute so exzessiv genutzt werden, ergibt sich daraus ein erhebliches Gefahrenpotenzial. Eine Gefahr, vor der wir als Eltern die Augen nicht verschließen dürfen. Wer denkt, solche Dinge passieren nicht in Deutschland oder Europa, der irrt gewaltig. Vor gut zwei Jahren bin ich fast aus den Latschen gekippt, als ich das erste mal auf youNow.com aufmerksam wurde. Menschen streamen sich dort in Video und Audio. Als Rückkanal zum Zuschauer dient ein Textchat. Außerdem können die Gefilmten Fans sammeln. Je mehr Menschen zusehen, desto höher steigt der Rang des Streamenden. Eigentlich ein lustiges Konzept. Ich kann mich erinnern, dass ein amerikanischer Kioskbesitzer sich bei der Arbeit filmte. War nichts los in seiner Bretterbude, dann redete er mit den Zuschauern. Das war tatsächlich so lustig, dass ich eine halbe Stunde bei ihm hängen blieb

Auf anderen Channels waren Dinge zu sehen, die für mich definitiv nicht in die Öffentlichkeit gehören. Mädchen, um die 10 oder 11 Jahre, mit Unterhose und Shirt bei einer Übernachtungsparty. Die Zuschauerschaft war groß - über hundert Leute sahen zu, wie die Kinder hüpften und auf den Betten herumtobten. Und da wird es dann für mich eindeutig kritisch. Richtig, das sind Momente, die gehören zu einer Übernachtung bei Freunden dazu. Allerdings gehören Sie nicht ins Öffentliche, sondern in einen geschützten, privaten Raum. Das heißt für mich nicht offline, sondern eben nur nicht für jedermann einsehbar.

Live - Aus dem Kinderzimmer

Die beiden Mädchen waren sich gar nicht bewusst, was sie da taten. Für sie war es schlicht nicht ihm Rahmen des Vorstellbaren, dass nicht nur Gleichaltrige zusahen, die das einfach nur lustig fanden. Im Textchat waren eindeutige Forderungen einiger Zuschauer zu lesen. Selbst heise online berichtete über das Phänomen youNow. Ein Indiz, wie verdammt weit sich diese Thematik heute schon verbreitet hat. Betroffen sind nicht nur diese Streamingportale, sondern auch Computerspiele und nicht moderierte Kinderseiten.

Dazu kommt, dass Startups wie youNow in der Regel keine großen Rechenzentren haben, geschweige denn viele eigene Ressourcen. Das gilt für die Technik aber eben auch für das Personal. Nahezu der gesamte IT-Betrieb ist bei solchen Firmen in der Cloud zu finden. Das brauchen sie auch, denn geht der Dienst viral, dann könnte auf konventionellem Wege die Nachfrage nicht sofort bedient werden. Gründer haben in der Regel nicht sonderlich viel Geld. Da wird gerne auf Abuse-Prozesse, Moderation und sämtliche manuell ausführbare Arbeiten verzichtet. Dazu kommen die frei für jedermann abrufbaren Inhalte. Klar, nur so machen derartige Dienste auch Sinn. Es geht ja gerade darum, benutzergenerierte Inhalte schnell und effizient zu verteilen.

Passiert etwas in einem Stream, dann ist dieser schon etliche mal heruntergeladen worden. Heruntergeladen, lange bevor irgendjemand einen Missbrauch des Dienstes erkennt und diese Dateien löscht. Professionelle Sammler machen das inzwischen über anonyme VPNs. Diese sind wiederum mit der Paysafe-Card oder gewaschenen Bitcoins gekauft. Damit ist es für staatliche Behörden sehr schwer die Anonymität der Downloader auszuhebeln.

Jetzt hat die Firma youNow ja aber nachgebessert in Sachen Jugendschutz. Heute werden dort Streams rund um die Uhr moderiert und abgeschaltet sobald es zu anzüglichen Szenen kommt. Das ist sehr löblich! Nur nach dem Erfolg der Idee poppen eben dutzende weitere Startups auf. Die bekanntesten Vertreter sind heute live.me und musical.ly. Die Newcomer Plattformen haben dann aber dieselben Probleme wie youNow zu Beginn. Nationale Gesetze greifen da nur teilweise, denn je nach Firmensitz gelten sie schlicht nicht.

Haben Plattformen eine Moderation, kämpfen sie aber auch mit ganz anderen Problemen. Aktuell gibt es eine Speedrun-Challenge darüber, wer bei Disneys Club Pengiun am Schnellsten gebannt wird. Der Pengiun Club wird zwar bald geschlossen, aber es zeigt, dass auch moderierte Plattformen Probleme bekommen können. Sagt nochmal jemand die Internet Community wäre nicht kreativ

Bravo heute: Sexting

Schon vor Jahren gab es Debatten über Sexting. Nacktbilder auf Handys von Schülern sind heute eher Alltag als unüblich, wenn ich den Lehrern in meinem Umfeld und den Pädagogen in den Zeitungen zuhöre. Dabei ist die Idee, das Gegenüber nackt zu sehe, gar nicht so ein Problem, finde ich. Sofern derjenige das aus freien Stücken macht, natürlich. Sexuelle Selbstbestimmung muss schließlich auch irgendwo für Jugendliche gelten. Und Hand aufs Herz, auch wir haben doch die Bravo nur aus einem Grund damals gekauft

Vielleicht ist es sogar ganz gut, dass die Kids damit sogar eine Art Gegenbewegung zur durchgestylten Top-Model-Werbewelt entwerfen. Irgendwie hat es ja sogar was zutiefst Ehrliches an sich, dieses Sexting. Problematisch wird es aber dann, wenn diese intime Information aus der Hand gegeben wird. Eben genau einen Handydiebstahl oder eine tränenreiche Trennung später - da wird es kritisch und wirklich gefährlich.

Verlassen diese Bilder den Empfänger oder Ersteller, landen sie meist im Internet. Bestenfalls anonym, also ohne Gesicht und somit nicht zuordenbar. Kommt dann aber noch oder gar eine Information, wie eine an der Wand hängende Urkunde des Schachclubs rot-blau Bielefeld oder ein Pullover mit dem Logo der Schule dazu, kann es sehr schnell, sehr ungemütlich werden. Es ist ein nicht ganz ungefährliches Spiel, dieses Sexting. Aber aus meiner Sicht, ist das Problem dabei eben nicht das Nacktbild selbst, sondern dessen Verbreitung gegen die Einwilligung des oder der Abgelichteten. Und die Speicherwut des Internets. Solche Dinge jemals aus dem Web zu bekommen, kommt einer Sisyphusaufgabe gleich. Wenn es überhaupt klappt, dann nur mit sehr viel Glück und einer sehr flotten Reaktionszeit

Quo Vadis, Medienkompetenz?

Vor diesem schwierigen Hintergrund liegt es nun auch an uns Eltern, unseren Kindern Medienkompetenz zu vermitteln. Ich bin selbst nicht ganz sicher, wo und wie ich die Grenze zwischen Zensur und Freiheit, zwischen Kontrolle und Vertrauen, ziehen soll. Aber selbst wenn ich das festgelegt habe: Wie zum Teufel kann ich das denn dann in der Praxis umsetzen? Ja, ich gestehe, selbst mir als forschender Informatiker in der IT Sicherheit bereitet das ganze Thema heftige Kopfschmerzen. Früher, ja schon im Studium, bin ich auch mit den dunklen Seiten des Webs in Kontakt gekommen. Ich hielt es immer als das Hintergrundrauschen des Internets. Fiese Typen gibt es überall. Ich konnte mich außerdem wehren, denn ich bin in der Lage technische Standards zu lesen, Quelltext zu verstehen und selbst Code zu schreiben. Mein Job ist es zu verstehen, wie das Virtuelle im Technischen realisiert wird und aktiv genau daran mitzuwerkeln.

Meine Tochter kann das nicht. So wie ein Großteil der Menschen hinter den Bildschirmen. Sie wird irgendwann trotzdem online gehen. Das soll sie auch! Ich halte das Internet für eine der großartigsten Dinge, die wir Menschen zustande gebracht haben. Wahr ist aber eben auch, dass sich die Euphorie bei mir langsam wieder auf ihren Platz setzt und aufhört zu applaudieren. Ich kann meine Tochter nicht im Internet beschützen, ohne sie in ihrer digitalen Freiheit einzuschränken. Und selbst wenn ich dies täte, so gäbe es für sie doch immer noch hunderte Schlupflöcher.

Jaja, das Zauberwort heißt Medienkompetenz. Aber Hand aufs Herz: Kein Sexting machen - wie realistisch ist das denn? In etwa so realistisch, wie diese Uhrzeit-Grenze aber der die Schmuddelwerbungen damals über die TV Stationen liefen. Wir 12 jährigen Pimpfe haben sie dennoch gesehen und wussten sehr wohl von ihrer Existenz. Und hier schließt sich der Kreis zum ersten Abschnitt meines Artikels: Ich habe schlicht keine Idee, was ich mehr tun kann, als über die Gefahren aufzuklären und zur Vorsicht zu mahnen.

Noch ist meine Tochter weit davon entfernt diese Medien zu nutzen. Wenn es aber in ein paar Jahren soweit ist, möchte ich allerdings eine halbwegs brauchbare Antwort auf die modernen digitalen Welten aus dem Hut zaubern können. Unserer Tochter die Chancen des Internets gänzlich zu verwehren - das kommt weder für die tollste Frau der Welt noch für mich in Frage.