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Der schlimmste Tag des Jahres

Vor ein paar Tagen hatten wir einen richtig beschissenen Tag. Es war der mit Abstand (sic!) blödeste Tag in unserer bisherigen Elternkarriere. So doof, so abgrundtief blöd - das glaubt uns ohnehin keiner. Das Leben schreibt eben die bizarrsten Geschichten. Es passieren einfach Dinge, die sind so abgefahren, da wirken selbst die Geschichten der RTL2 Scripted-Reality-Soaps realitätsnah. Die heutige Story nenne ich einfach mal Familie Stadtpapa und das Geheimnis der Vier Großen Kah’s. Da fehlen die Details? Ja, gut: Es geht um ein Kind, eine Kreuzung, Kotze und eine Klinik. Manchmal, da hängt eben der Haussegen nicht nur schief. Manchmal, ja da versteckt er sich im Ofenrohr und heult

Das Kind und die Kotze

An diesem Morgen wurde das Töchterchen schon um vier Uhr wach. Ist nervig, aber handhabbar. Ich bin aufgestanden und durfte sogar in Ruhe einen Kaffee trinken. Ich hatte sogar so gute Laune, dass ich die tollste Frau der Welt mit leckeren Waffeln zum Frühstückstisch gelockt habe. Der Plan war, zum Ikea zu fahren. Möglichst früh, wie immer, um dem Ansturm der Massen zu entgehen. Wir versuchten also, direkt um 9:30 Uhr da zu sein. Wer um vier morgens aufsteht, der schafft das ja auch locker flockig ohne große Probleme

Auf der Hinfahrt begann der Tag schon langsam zu kippen. Wir haben vor einigen Tagen den Maxi Cosi durch einen neuen Kindersitz für Kleinkinder ausgetauscht. Seitdem sitzt das Töchterchen aufrecht und mag das eigentlich auch recht gerne. Nicht so an jenem Tag, denn plötzlich würgte es von hinten. Jetzt sind wir ja keine absoluten Greenhorns mehr. Ein paar Komplikationen sind wir inzwischen wirklich gewohnt. Ersatzklamotten hatten wir ja dabei. Alles kein Ding.

Der Ikea Besuch lief gut, das Töchterchen macht gut mit und alles war super. Selbst die Materialien für den neuen Kinderlernturm in der Küche konnten wir bequem einkaufen. Die ganze Familie hatte gute Laune. Bis zur Heimfahrt, denn da ging das Spektakel wieder los. Doch auch da dachten wir uns noch nichts dabei. Es soll ja ab und an vorkommen, dass Kindern in neuen Kindersitzen manchmal schlecht wird. Außerdem übt das Töchterchen laufen. Sie turnt fröhlich herum und ich denke mir, dass da auch der Gleichgewichtssinn gerade die ersten Instruktionen erhält. Vielleicht war Herr Gleichgewichtssinn eben heute einfach etwas sensibel. Passt schon, alles im grünen Bereich

Zuhause angekommen wurde es mit dem Übergeben immer schlimmer. Nun konnte sie selbst Wasser nicht drin behalten. Langsam wurden wir unruhig. Das Töchterchen selbst war aber, abgesehen von diesen Aktionen, eigentlich recht gut drauf. Sie spielte, war fröhlich und lief mit einem Lachen im Gesicht in der Bude umher. Das beruhigte uns und wir warteten den Mittagsschlaf ab. Derweil wurde der Lernturm aufgebaut und noch ein paar Würg-Szenen wurden zum Besten gegeben.

Wir nutzten den Mittagschlaf um Bodys, Bettdecken, Tücher und unsere Klamotten zu waschen. Eine weise Entscheidung, wie sich später herausstellte. Denn kurz nach dem, von einem fröhlichen Lachen begleiteten, Aufwachen des Kindes, ging es weiter. Diesmal vollkommen ohne, dass sie etwas getrunken oder gegessen hatte. Jetzt wurde selbst ich nervös. Wir riefen also beim Gesundheitstelefon unserer Krankenkasse an. Uns wurde geraten, die Sache mal abchecken zu lassen. Vorwiegend aufgrund der aktuellen Temperaturen und des schon lange anhaltenden Zustandes der Kleinen. Also erging der Befehl zum Aufsatteln und die Reise ging los. Und die, die hatte es dann so richtig faustdick hinter den Ohren

Die Kreuzung und die Klinik

Wie zu erwarten ging es sofort auf dem Rücksitz wieder los. Inzwischen war auch das Lachen aus dem Gesicht des Töchterchens verschwunden. Dann passierte es. Zehn Minuten vor der Klinik mit dem Bereitschaftsarzt für den Münchner Süden. In einem Anflug von vorweihnachtlicher Stimmung schaltete das Auto alle Warnlichter auf einmal ein. Dennoch fuhr das Auto weiter. Anhalten und nachsehen würde zu lange dauern. Wir hatten ohnehin nur noch 1,5 Stunden bis der Bereitschaftsarzt schließen würde. In München sitzen Eltern gerne mal bis zu drei Stunden oder mehr in Wartezimmern solcher Notfall-Einrichtungen. Es war schon jetzt fraglich, ob wir überhaupt dran kämen.

Also Zähne zusammenbeißen und einfach weiterfahren. Bremse, Gas, Licht, Blinker - alles war funktionstüchtig. Schließlich kann es schlicht nicht sein, dass alle Leuchten gleichzeitig angingen. Eine, zwei ja. Aber doch nicht alle auf einmal. Das roch schon verdächtig nach einer Falschmeldung oder etwas so Kritischem, dass einfach nichts mehr gehen dürfte. An der nächsten roten Ampel machte ich also das, was alle Techniker in solchen Situationen tun: Während das Töchterchen sich hinten lautstark übergab, schaltete ich das Auto aus.

Have you tried turning it on and off again?

Es wurde grün und ich schaltete es wieder an. Doch nichts passierte. Kein Startgeräusch, keine zündende Zündkerze, einfach nix außer den bunten Christbaum-Leuchten im Cockpit. Das Töchterchen quittierte das mit einem neuerlichen Würgen. Wir standen am Mangfallplatz, auf der zweiten Spur der vierspurigen Straße. Eine spontane Krisensitzung der Familienältesten wurde einberufen. Die tollste Frau der Welt entschied, dass sie mit dem Töchterchen jetzt in den Bus steigen würde. Ich sollte mich ums Auto kümmern. So wurde es gemacht. Das Töchterchen übergab sich hinten noch ein letztes Mal bevor sie abgeschnallt wurde.

Derweil rief ich, aus Ermangelung an Alternativen, die 110 an. Ich entschuldigte mich direkt beim Abnehmen. Der super freundliche Beamte beruhigte mich erst einmal und gab mir direkt die Nummer des ADACs weiter. «Sechs mal die Zwei. Die helfen Ihnen, machen se sich da mal keinen Kopf. Halb so wild.». Erleichtert wählte ich die 222 222 und es meldete sich tatsächlich eine Stimme. Doch die sagte mir nichts über Autos und Abschleppdienste, sondern nur, dass mein Guthaben für Premium-Nummern nicht ausreichen würde. Ja klar, ich hab hier eine Flatrate auf alle deutschen Mobilfunk- und Festnetznummern und ein monatlich kündbares Pre-Paid Vertragsmodell. Ist einfach billiger als ein Vertrag und es gibt auch keine bösen Überraschungen auf Rechnungen. Blöd nur, wenn der ADAC eben nur über eine kostenpflichtige Premium-Nummer erreichbar ist

Gott sei Dank fuhr neben mir in dem Augenblick eine Polizei-Streife vor. Die rote Ampel hatte Erbarmen mit mir armen Papa und veranlasste die beiden Polizisten direkt neben mir zu halten. Durchs offene Fenster erklärte ich den Beamten mein Problem. Kein Ding. Wir drehen da vorne rum, dann stellen wir uns hinter Sie und bringen sie erst einmal von der Straße rief der echt freundliche Polizist mir zu. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Endlich würde alles gut werden. Ich drehte noch einmal den Schlüssel. Es tat sich nichts. Der Beamte vor mir hielt einen Daumen in die Luft. Dankbar wie ich war, tat ich dasselbe.

Dann hörte ich nur noch ein entferntes «Geht’er wieder? Super! Dann wünsch ich Ihnen was». Sekunden später fuhren die Polizisten davon. Ein verdutzter Papa aber saß weiterhin auf der zweiten Spur in seinem Wagen mit dem Warnblinker. Ich wollte doch nur Danke sagen und nicht damit andeuten, dass mein Problem gelöst wäre. Verdammt, wie doof war das denn jetzt bitte von mir?!

Kommando zurück

Also alles auf Anfang. Nachdenken. Beim Notruf konnte ich wegen dieses Mists nicht nochmal anrufen. War peinlich genug, dass ich da überhaupt angerufen hatte. Gibt wahrlich wichtigeres, um was sich die Leute dort kümmern müssen. Also schnell die Nummer der lokalen Polizei-Station gegoogelt und angerufen. «Den ADAC können wir nicht für Sie rufen. Dürfen wir einfach nicht. Einen Wagen kann ich auch erst zu Ihnen schicken, wenn sie eine Behinderung des Verkehrs darstellen. Am Besten wäre, wenn Sie den Gang rausnehmen und das Auto auf die linke Spur schieben.»

Okay, Gang raus und schieben. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hielt ein Auto und ein junger Kerl kam mir zu Hilfe. Einfach so. Zu Zweit ging es super flott und in wenigen Minuten war der Wagen am linken Straßenrand. Bin dem Guten sehr, sehr dankbar. Leider verschwand er so schnell, wie er gekommen war. Falls du das hier liest: Du hast einen Kasten Bier bei mir gut - melde dich!

Jetzt telefonierte ich mein Adressbuch ab. Überall klingelte es, aber niemand nahm ab. Niemand, außer ausgerechnet jener Freund, der gerade Zwillingspapa geworden war. Im Hintergrund hörte ich die beiden Kleinen kreischen und verstand kaum ein Wort. Wir einigten uns darauf, dass ich erst mal weiter durchklingeln würde. Falls ich niemand fände, wäre er mein Backup und hätte den ADAC angerufen. Ich muss auch vollkommen durch den Wind geklungen haben: Auto auf Kreuzung, Töchterchen und Frau auf’m Weg ins Krankenhaus, ADAC nicht erreichbar

Während ich weiter telefonierte, schickte er mir die Auslandsnummer des ADAC: +49 (0)89 222 222. Damit kam ich wunderbar durch, denn 089 ist die Vorwahl von München und damit eine Festnetznummer. Nachdem ich dem Automat auf die Frage In welchem Land haben Sie Probleme mit Deutschland geantwortet hatte, wurde ich sofort durchgestellt. Bei meiner Antwort Ich habe keine auf die Frage des ADAC Mitarbeiters nach meiner Mitgliedsnummer, wurde die Verbindung plötzlich unterbrochen. Ich war kurz davor einfach auszusteigen, mir die Kleider vom Leib zu reißen und irre lachend mitten auf der Straße herumzurennen.

Ich konnte mich noch ein letztes Mal beherrschen und rief abermals an. Diesmal klappte es und ein gelber Engel wurde losgeschickt um mich zu retten. Auf den ADAC wartend legte ich entnervt zum hundertsten Mal den Schlüssel um. Und auf einmal sprang der verdammte Wagen an. Vergessen waren die Warnleuchten. Alles schnurrte wie immer. Bevor der Wahnsinn mich endgültig übermannte, lenkte ich den Wagen von der Straße auf einen nahen Parkplatz. Selbst der ADAC fand keine Probleme, sondern nur einige seltsame Meldungen vom CAN-Bus. Über dieses Ding kommunizieren die Geräte in einem Fahrzeug miteinander. Musste im Studium selbst darauf programmieren.

Das Ende vom Lied war eine Familienmitgliedschaft beim ADAC, ein unbekanntes Softwareproblem im Auto und ein vollkommen fertiger Papa. Immerhin gab der Bereitschaftsarzt Entwarnung und konnte keine Anzeichen von Austrocknung feststellen. Und eine Geschichte, die ich noch meinen Enkeln erzählen kann, die gab’s obendrauf. Ist ja auch was. Jetzt haben wir garantiert den schlimmsten Tag des Jahres schon hinter uns. Kann also nur noch aufwärts gehen