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Reise, Fernweh und Elternschaft

Bei uns ist das mit dem Reisen immer so eine Sache. Letztlich ist nämlich unser kleiner Wirbelwind ein Resultat von Mamas und Papas zehnmonatiger Weltumrundung mit dem Rucksack. Zusammengekommen sind wir vorher, stimmt schon. Aber ein kleines Zimmer auf dem Dach (ja, auf dem Dach ) eines Hostels in der peruanischen Hauptstadt Lima spielte eine gewichtige Rolle für alles, was danach kam. Auf diesem Dach schickten wir unsere Bewerbungen für unsere Studienplätze in München los. Über eine schlechte WiFi Verbindung und Unterseekabel kamen die dann auch auf magische Weise am anderen Ende der Welt, in Bayern, an. Eben diese Aktion führte dann zum Mieten unserer ersten eigenen Wohnung im wunderbaren Obergiesing. Nunja … und über den Rest brauche ich ja echt keine weiteren Worte mehr zu verlieren

Die Erfahrung dieser langen Backpacker-Reise hat uns tatsächlich etwas skurril werden lassen. Wir haben seitdem diesen Drang, immer und immer wieder auf eigene Faust loszuziehen. So richtig in unser Gastgeberland einzutauchen. Das äußert sich dann in solchen verrückten Dingen wie unserer Restaurant-Auswahl. Wir meiden aus Prinzip sämtliche Restaurants mit einer für uns lesbaren Speisekarte. Könnte ja ein Touri-Laden sein. Oder wir buchen Halbpension und fahren mit dem Bus in eine Mall um dort abends Fastfood zu futtern. Einfach, weil es so irgendwie näher am Land anfühlt

In einem Hotelkomplex wird es uns schnell langweilig. Ehrlich, wir schaffen es tatsächlich nicht mehr, eine Woche einfach nur am Strand zu verbringen. Seit wir Eltern sind ist das ein gehöriges Handicap. Unsere über Jahre gewachsene Art zu Reisen ist mit einem Kleinkind einfach nicht mehr drin. Skurrilen Kram wie die neun Stunden Busfahrt für 300 Kilometer von Mandalay nach Bagan wird es so schnell nicht mehr bei uns geben. Mich hat dieses (offensichtliche) Faktum echt hart getroffen. Ich habe unsere Spontanität auf Reisen wirklich lieben gelernt. Mehr noch, für mich war es der Inbegriff von Urlaub, all diese verrückten Abenteuer zu erleben. Wild, neu und endlos frei - so fühlte sich das immer für mich an. Das Fernweh ist eindeutig geblieben. Ich möchte noch so viele Orte erleben, noch so viele Dinge erfahren. Um ehrlich zu sein, vermisse ich das auch alles sehr

Und heute? Heute bin ich dazu auch noch der Meinung, dass schon ein Flug für Kleinkinder nicht unbedingt sein muss. Vielleicht weil ich als Kind so oft geflogen bin und es als Einzelkind nie wirklich toll war. Vielleicht auch, weil ich damit heute einfach meine Komfortzone verlasse. Auf unseren Reisen hatten wir einige sehr bizarre Situationen in denen Pläne fehlschlugen. Da kann ich mit umgehen. Das bringt mich nicht aus der Fassung. Alles schon gehabt. Kein Neuland mehr. Da traue ich mir ohne Probleme zu, Lösungen dafür aus dem Hut zaubern.

Reisen, Eltern-Dasein und Kleinkind

Mit unserem Töchterchen ist das jetzt ganz anders. Da bin ich unsicher. Ich weiß nicht, was es mit mir macht, wenn sie den Flug über schreit und alles für sie Mist ist. Insgeheim fürchte ich, dass mich das mehr aus der Ruhe bringt als all die Probleme unseres bisherigen Backpacker-Daseins zusammen. Ich weiß nicht, ob und wie dolle ich angefressen sein werde, wenn ich unbedingt etwas sehen will und die Stimmung des Töchterchens das einfach nicht zulässt. Long story short: Ich hab’ überhaupt keine Ahnung, was da auf mich zukommt und die Hosen voll, dass ein Urlaub für mich am Ende alles andere als toll sein wird

Wird die Kleine nämlich in ihrem Ablauf irgendwie gestört, kann das echt erstaunliche Auswirkungen haben. Wir sind in den Weihnachtsferien regelmäßig um 4:30 Uhr mit Augenringen aufgestanden. Sonst schläft sie bis 6 oder 6:30 Uhr. Aber Oma und Opa waren eben da. Also nicht wach, sondern einfach da eben - aber das weiß man natürlich erst sicher, wenn man so früh wie möglich im Wohnzimmer aufschlägt

Das macht uns einfach Sorgen, wenn es um Urlaube geht. Rennen wir alle nur noch mit Rändern um die Augen herum, dann wäre Balkonien für uns als Familie tatsächlich entspannender. Wobei wir auch jetzt gesehen haben, dass das Töchterchen es erstaunlich gut verkraftet, wenn der Mittagsschlaf mal flach fällt. Das ist - bei entsprechender Bespaßung - nun echt im Bereich des Machbaren. Sie schläft dann etwas schlechter, aber es liegt ohnehin jede Nacht jemand bei ihr. Macht also auch keinen großen Unterschied. Vor wenigen Monaten hat sie sich noch ohne Mittagsschlaf in einen übermütig-wütenden Wirbelwind verwandelt.

Fernweh und Reiseplanungen

Wir haben noch hunderte Ideen für wunderbare Reiserouten: Einmal durch Marokko von Agadir über Casablanca bis nach Fes, mit dem Zug vom Norden des Irans an die sandigen Strände des Südens oder mit dem Mietwagen durch die Dörfer Albaniens. Eben die Art von Reisen, die wir früher so wunderbar gelebt haben. Einfach Hin- und Rückflug buchen, dazwischen eine grobe Route und ab geht die Post. Tja, und da ist das Problem: ich kann mir nicht vorstellen, wie das mit einem Kleinkind zu verbinden ist. Vielleicht habe ich da auch viel zu viel Respekt davor. Am Ende ist es möglicherweise alles gar nicht so wild wie ich denke. Oder aber ich bin auch einfach nicht bereit (genug) Kompromisse einzugehen. Ist wohl eine Mischung aus all dem, die mir so zu schaffen macht.

Dann gibt es da immer die handfesten Diskussionen zwischen der tollsten Frau der Welt und mir. Die machen es nicht einfacher sich für oder gegen eine Reise zu entscheiden. Meiner Meinung nach ist das vor allem der begrenzten Zeit von klassischen Urlauben zu schulden, denn wir müssen uns jetzt beschränken. (Fast) alles zu sehen ist nicht mehr möglich. Bei unserer Rucksack-Reise waren wir in jedem Land mindestens vier Wochen unterwegs. Da war Platz für alle Interessen. Heute sind es eher zwei Wochen. Wir zanken uns also um Effizienz von Plänen: «Fliegen wir von dort verlieren wir direkt mal einen ganzen Tag. Das geht so auf keinen Fall.», «Was willst du denn dort unten? Da oben ist es doch viel spannender!» und «Also ich will jetzt echt nicht die Nachtfähre mit dem Kind nehmen müssen» sind typische Zitate. Durch solche Debatten werden schon Ideen im Keim erstickt. Die Planung stockt und mit der Zeit vergeht dann auch meine Lust darauf. Reiseplanungen haben bei uns das Potential zu einem echt handfesten Streit auszuarten

Mich interessiert, wie andere Familien die Urlaubsplanung in Angriff nehmen. Gibt es bei euch ein so großes Streitpotenzial? Welche Urlaube mit Kleinkind waren toll, welche eher ein Reinfall? Was hat sich bei euch als Eltern am Reisen geändert und wie empfindet ihr heute eure Urlaube? Die Erfahrungen anderer Familien, Mütter und Väter würde mich da echt interessieren.